3.6.2026

Musiktradition im Wallfahrtsort seit 1743

Musikkapelle Maria Steinbach e.V.

Die Geschichte der Musikkapelle Maria Steinbach darf neu geschrieben werden. Während bisher das Jahr 1858 als die Geburtsstunde aufgrund der offiziellen Vereinsgründung betrachtet wurde, belegen nun historische Forschungen im Pfarrarchiv Maria Steinbach, im Archiv des Klosters Rot an der Rot, dem Archiv des Bistums Augsburg, dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart und im Staatsarchiv Augsburg, sowie die Ausarbeitungen von Berthold Büchele und Herbert Huber eine weitaus tiefere und ältere Verwurzelung in der Ortsgeschichte. Aufgrund der diesjährigen Neufassung der Vereinssatzung und der hierin verankerten Gründungsdaten wurden nach internen Gesprächen entsprechende Recherchearbeiten in den genannten Archiven und mit den entsprechenden Historikern angestoßen. Schlussendlich mit Erfolg.

Die Musikgeschichte in Maria Steinbach ist stark mit dem Aufkommen der Wallfahrt ab 1723 durch die Schenkung des Heilig-Kreuz-Partikels des Abts von Rot Hermann Vogler, der Erhebung zum Wallfahrtsort am Pfingstdienstag 1734 und dem Bau der Wallfahrtskirche vom 16. April 1749 bis zur Einweihung am 04. März 1755 bzw. der Fertigstellung der Kirche in Ihrer heutigen Form im Jahr 1770 verbunden.

Die Rechnungsbücher der Wallfahrtskirche Maria Steinbach (Sign. B 487 Bd. 385-448 Hauptstaatsarchiv Stuttgart) bieten die entsprechend fundierten Nachweise. In den Kirchanlagen von 1743/44 (genaue Signatur: Buch 487 Bündel 387) taucht erstmals der summarische Beleg auf, welcher eine feste Gruppe von Musikanten im Ort bestätigt. Mit dem Wortlaut „denen Musicanten verehrt 19 fl 19 x“ („an die Musikanten ausbezahlt, 19 Gulden und 19 Kreuzer“), wird die Auszahlung von Musiker-Honoraren, vermutlich wie üblich zum Fest der heiligen Cäcilia, der Patronin der Kirchenmusik, Musikanten und Sänger am Dienstag, 22. November 1743 aufgeführt.

Hierzu muss erwähnt werden, dass im 18. Jahrhundert sowohl Instrumentalisten wie auch Sänger als „Musicanten“ bezeichnet wurden. Nach mündlicher Überlieferung von Berthold Büchele lag hier das Verhältnis Sänger zu Instrumentalisten bei ca. 70% Sänger zu 30% Instrumentalisten. Anhand der gespielten Werke in dieser Zeit lässt sich eine Orchesterstärke von ca. 6 – 9 Instrumentalisten annehmen. Die Grundbesetzung des Orchesters bestand vermutlich aus 2 Violinen, einem Cello, zwei Hörnern, einer Flöte od. Klarinette, einer Trompete und einer Pauke, etwas später noch erweitert durch Posaunen. Somit durfte der Chor auch eine stattliche Größe von ca. 20 Personen gehabt haben. Ebenso war die Orgel ein grundsätzlicher Bestandteil des Orchesters.

Der oben genannte schriftliche Nachweis in den Rechnungsbüchern belegt, dass bereits damals eine über das normale Maß hinausgehende Musikpflege existierte, betrieben und honoriert wurde. Allein die Anzahl gelesener Messen, welche in der Zeit zwischen 1745 und 1755 jährlich zwischen 2110 und 3175 schwankte, gibt Aufschluss wie groß der allgemeine Ansturm an Pilgern zu dieser Zeit hier in Maria Steinbach war. Das bedeutet, dass im Schnitt 6 bis 8 Messen am Tag abgehalten wurden, jedoch aufgeteilt auf bis zu 5 Wallfahrtsseelsorger in der Pfarrei Steinbach.

Um den Pilgern, Wallfahrern, sowie hohen Geistlichkeiten und weltlichen Herrschern eine exzellente musikalische Umrahmung von Messen und Prozessionen, sowie Unterhaltung zu Namenstagen und weiteren Zelebrationen gewährleisten zu können, wurde von Seiten des Mutterklosters in Rot an der Rot und deren Äbte der Musikpflege in Maria Steinbach ein hoher Stellenwert eingeräumt und dieser entsprechend finanziert. Von dem hohen Stellenwert der Musik zeugen heute noch die im Pfarrarchiv von Maria Steinbach verwahrten nahezu 200 Handschriften, sowie viele Drucke aus dem 18./19. Jahrhundert. Den größten Anteil nehmen dabei mit 71 Handschriften und 55 Drucken die lateinischen Messen ein. Diese Zahlen spiegeln jedoch nur den noch vorhandenen Bestand an Notenmaterial im Pfarrarchiv wider. Die tatsächliche Zahl von aufgeführten Kompositionen ist vermutlich weitaus höher.

Die Abrechnungen zeigen auch, dass die Besetzung schon damals dem Grundstock eines heutigen Orchesters entsprach. Nachgewiesen sind Musiker-Sondervergütungen wie 1745 „an corpus Christi fest denen Musicanten 1 fl 33 x“ (Fronleichnam), die Anschaffungen von Pauken im Jahr 1746, im Wortlaut „Vor neue Pauggen 36 fl 41 x“ und „vor neue Trompete 8 fl“ im Jahr 1747. Dies lässt darauf schließen, dass bereits Mitte des 18. Jahrhunderts Blas- und Schlaginstrumente das Klangbild in Steinbach prägten und ausfüllten.

Doch waren die „Musicanten“ des frühen 18. Jahrhundert auch Steinbacher oder doch externe Musiker, die nur für besondere Anlässe engagiert wurden? Diese Frage war für die Suche nach belastbaren Ergebnissen elementar.

Die Recherchen belegen insbesondere die zentrale Rolle der Chorregenten-Familie Schmöger. Eine Ära die 1743 mit Franz Anton Schmöger aus Markt Rettenbach begann und im Jahr 1868 nach 125 Jahren mit Johann Nepomuk Schmöger endete. Vor Franz Anton Schmöger hatte Johann Georg Schopp das Amt des Organisten inne, dessen Dienstvertrag vom 20. November 1734 folgenden Inhalt hatte: „Nachdem die allhießige wahl fahrt zu Steinbach Sich täglich vermehret, so hat Mann Sich Bemuessiget befunden, zu besserer abhaltung des gotts diensts die Kürchen mit einer orgl und dazu tauglich organist zu versehen, zu welchem organisten und Messmer dienst sich angegeben und darum supplicieret hat, Johann Georg Schopp ein noch lediger Musicant von halden wang fürstl: Stüfft Kempt. Jurisdiction mit welchem nachfolgendes accodirt worden“ (Sign. B 486 Bü 771 Staatsarchiv Stuttgart).

Die Chorregenten, so auch die Familie Schmöger, waren nicht nur musikalische Leiter im Ort, sondern auch Ausbilder der lokalen Musiker und Organisten, Mesmer und auch das Amt des Schulmeisters war beim Chorregent angesiedelt. Hierfür wurde ein Jahres-Honorar von 100 Gulden bezahlt. Dies war ein gutes durchschnittliches Jahresgehalt in der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Laut Bestallungsbrief war der Chorregent ausdrücklich verpflichtet, die Musiker nicht nur „heranzuholen“, sondern sie auch zu „instruieren“, also Personen vor Ort auszubilden.

Die Tauf- und Sterbeurkunden in den Matrikeln von Steinbach zeigen, dass die Musikausübung oft innerhalb der einzelnen Familien im Ort über Jahrzehnte weitergegeben wurde. Dies schuf einen generationenübergreifenden Pool an Musikanten im Dorf, welcher den personellen Grundstock für die spätere Vereinsgründung von 1858 bildete. Die heutige Musikkapelle Maria Steinbach führt somit stolz eine organisierte Musiktradition fort, welche im Jahr 1743 mit dem Amtsantritt der Familie Schmöger ihren nachweisbaren Anfang nahm und bis heute in ihrer zeitgemäßen Form eines Musikvereins weiterlebt.

Ein besonders spannendes Detail aus den vorliegenden Schriften wie der Kirchenchronik von Maria Steinbach, verfasst von Historiker und Pfarrer Ludwig Dorn und einem Bestallungsbrief von 1782 für Joseph Anton Schmöger, Sohn von Franz Anton Schmöger, belegen die hohe Wertschätzung der Musiktradition und Musiker in Steinbach mit seinen damals knapp 200 Einwohnern.

Es wurde vom Kloster Rot an der Rot ausdrücklich festgelegt, dass bei der Verpachtung von Anwesen, dem Betrieb von (Gast-) Gewerbe, dem Schnapsbrenn- und Braurecht oder Einheirat Musikanten gegenüber anderen Bewerbern bevorzugt werden sollten. Der erste dieser Akte im Sinne einer Bevorzugung von Musikern ist belegt für das Jahr 1736 als ein gewisser Elias Mohr, Tenorist und Waldhornbläser aus Grönenbach in die alte Kramerei, Hs-Nr. 9 einheiratete und die Erlaubnis vom Roter Abt erhält eine „geistliche Krämerei“ nebst „Kostauswägung bei der Kirche“ zu betreiben. Dieses Privileg jedoch nur unter der Prämisse, dass er sich verpflichtete bei der Musik in der Kirche unentgeltlich mitzuwirken.

Derselbe Vorgang wurde nachweislich 1738 bei Johann Michael Kleber, Musiker aus Geisenried, Wirt der Ziegelwirtschaft, Hs-Nr. 16 und 1757 bei Anna M. Salbin, Discantistin (Sopranistin) aus Hawangen, Besitzerin des „Häusel mit Wurzgarten beim Ziegelstaden“ (Hs.-Nr 17), sowie weiteren musikalischen Zuzüglern abgewickelt.

Mit dieser Regelung wollten die Äbte von Rot, sowie die örtlichen Ortsseelsorger sicherstellen, dass genügend Musiker und Chormitglieder dauerhaft im Ort ansässig blieben. Diese gezielte Ansiedlungspolitik von Musikanten ist das historische Fundament, auf dem unsere Musikkapelle bis heute steht.

Zusammengefasst wird der Ursprung der heutigen Musikkapelle Maria Steinbach im Jahr 1743 somit durch drei Beweisstränge legitimiert:

Erstens: Die erste verbriefte Zahlung an eine feste, ortsansässigen Musikantengruppe im Jahr 1743. Offiziell bestätigt wurde das Jahr 1743 vom Kuratorischen Leiter des Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Herr Dr. Erwin Frauenknecht.

Zweitens: Die lückenlose Ausbildung von Musikanten durch die Familie Schmöger von 1743 bis 1868, welche den Grundstock für die spätere Vereinsform legte.

Drittens: Die soziale Bevorzugung von Musikanten im Ort im 18. Jahrhundert zeigt, dass „Musikant sein“ in Maria Steinbach seit nun fast 290 Jahren eine tragende gesellschaftliche Säule war und ist.

Daher kann mit Stolz behauptet werden: Die Musikkapelle Maria Steinbach führt heute nachweislich eine Tradition des Musizierens fort, die im Jahr 1743 offiziell begonnen hat.

Es bleibt zu hoffen, dass dies auch die nächsten 300 Jahre so fortgeführt wird, damit in Maria Steinbach auch weiterhin die Musik ein prägender Bestandteil der Dorfgemeinschaft ist und weltliche sowie kirchliche Anlässe mitgestaltet und ausfüllen wird.

Ein herzliches „Vergelt’s Gott“ für die Unterstützung bei der Recherche in den verschiedenen Unterlagen und Archiven sowie die Übermittlung von teils eigenen Veröffentlichungen und Vermittlung von historischen Quellen:

• Pater Huber Veeser, Maria Steinbach: für die Bereitstellung der Unterlagen und Räumlichkeiten zur Recherche im Pfarrarchiv sowie Hilfe bei der Suche nach historischen Quellen im Pfarrarchiv von Maria Steinbach

• Pater Johannes-Baptist Schmid, Kloster Rot an der Rot: für die Recherche im Klosterarchiv Rot an der Rot und Informationsaustausch mit Subprior Prof. em. DDr. Ulrich G. Leinsle vom Stift Schlägl in Oberösterreich

• Berthold Büchele, Ratzenried: für die Zusendung seiner Veröffentlichungen und den Austausch zur Ausarbeitung „Zur Entstehung der Blaskapellen in Oberschwaben und im Allgäu“, sowie der Übermittlung des „Katalog der Musikhandschriften der Pfarr- und Wallfahrtskirche Zur Schmerzhaften Muttergottes und St. Ulrich Maria Steinbach“

• Herbert Huber, Babenhausen: „Zur Musikpflege an der Wallfahrtskirche Maria Steinbach im 18. und 19. Jahrhundert“, veröffentlicht in: Verein für Augsburger Bistumsgeschichte, Jahrbuch 50. Jahrgang 2016

• Dr. Erwin Frauenknecht, Hauptstaatsarchiv Stuttgart

• Pater Stefan Kling, Kloster Roggenburg

• Alexander Walter, Archiv des Bistums Augsburg

Julian Waizenegger

Vorstand Musikkapelle Maria Steinbach e. V.

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